30 Aug, 2016

Grünschattierungen

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Grüne Mode wächst und bekommt auch (social-)medial immer mehr Aufmerksamkeit. Das ist natürlich super, aber wie immer, wenn auch nicht mit den Werten verwurzelte Unternehmen anfangen in einer nachhaltigen Nische mitzumischen, gerät der ethische Anspruch der Pioniere unter Druck. Ausgelöst durch die zunehmende Menge an hell- bis gar nicht grünen, aber dennoch grün präsentierten Labels bei der FashionWeek in Berlin sowie in vielen Modeblogs, möchte ich nochmal zu einer Frage zurückkehren, die auch am Anfang dieses Blogs stand. Was ist eigentlich grüne/öko-faire/nachhaltige Mode oder wie immer wir es nennen wollen und was nicht?

Mein Zugang zu Mode war geprägt von Streetwear. Skateboard- und Punk-/Hardcore-sozialisiert führte Mitte der 90er kein Weg vorbei an Baggy-Pants, Logo-Shirts und Sneakern der einschlägigen Brands wie Vision Street Wear, Volcom, Airwalk, Vans und Co. Jung und naiv war ich da noch in dem Glauben, die Produkte und Unternehmen der Subkulturen entstammten einer irgendwie weniger ausbeuterischen, ja weniger kapitalistischen Parallelwirtschaft. Leider ist in der Mode auch „small“ sehr oft nicht „beautiful“, wenn es um Mensch und Umwelt geht. Die Hälfte dieser Brands gehört zudem inzwischen dem Textilriesen VF Corporation und die Hälfte des Skateschuhmarktes Nike SB (SB = SkateBoard), aber das soll hier nicht weiter interessieren.

Streetwear stand jedoch auch am Beginn der zweiten grünen Modegeneration. Brands wie kuyichihowies und bald auch Armedangels waren es, die in den Nullerjahren zeigten, dass zeitgemäße Streetweardesigns auch in grün umgesetzt werden können. Und wie zu dieser Zeit noch in keinem anderen Modesegment (abgesehen von der Outdoorbranche, soweit die als Mode zählt) experimentierten auch konventionelle Streetwear-Brands mit hellgrünen Linien. Davon ist nur wenig übrig geblieben. Etnies Seed Project, Volcom V.CO-Logical, Carhartt Organic – alles längst wieder Geschichte oder zumindest deutlich zusammengeschrumpft. Nur Element hat weiter stetig ein paar grün angehauchte Styles in der Kollektion. Ein grünes Brand ist Element damit für mich aber noch lange nicht.

Das grüne Thema erfährt jedoch jüngst erneut Auftrieb in der Streetwearbranche, die sich im Zuge der Auflösung der Grenzen zu Fashion und Casual neu zu definieren versucht. Waren schon die frühen grünen Vorstöße konventioneller Streetwearbrands meist nicht sehr ambitioniert und in der Verwendung von Bio-Baumwolle ohne ökologische Verarbeitung erschöpft, reicht heute bereits ein Baum als Logo oder der explizite „Verzicht“ auf in Streetwear sowieso kaum verwendete tierische Materialien, damit sich ein Label die grüne Krone aufsetzt. Doch vegan = nachhaltig gilt auch in der Mode nicht. Gleichzeitig gibt es auch ambitioniertere Schritte Richtung grün, wie z.b. die GOTS-zertifizierten Teil-Kollektionen von Ragwear oder Skunkfunk. Die Mehrheit des Sortiments bleibt jedoch auch hier konventionell.

In grüne Modefachgeschäfte (Ethical Fashion Stores) gelangen entsprechend auch diese hellgrünen Teil-Kollektionen in der Regel nicht. Zum Einen fehlt ihnen meist eine soziale Zertifizierung, denn die Styles sind oft in sogenannten High Risk Countries hergestellt. So nennen NGOs wie die Clean Cloth Campaign und Zertifizierer solche Länder, in denen der Staat nicht Willens oder nicht in der Lage ist, grundlegende Arbeitsrechte zu garantieren. Der GOTS-Standard wiederum gilt NGOs wie Wissenschaftlern als ökologisch top, aber auf der sozialen Seite nicht ausreichend zur Absicherung von Mindeststandards. Zum Anderen bewerten viele Ethical Fashion Stores die von ihnen angebotenen Marken nach ihrem Gesamtsortiment. Damit schützen sie sich und die wirklich grünen Labels auch vor Trittbrettfahrern aus der konventionellen Industrie, die mit kleinen Nebenlinien die bewussten Konsument_innen mitbedienen wollen. Sonst läuft es schnell wie bei den veganen und vegetarischen Angeboten der Fleischindustrie, die in windeseile die Produkte der veganen und oft auch ökologisch orientierten Pioniere aus den Supermarktregalen verdrängt haben.

Ethical Fashion Stores richten sich bei ihrer Sortimentspolitik bisher häufig nach der Kriterienmatrix, die wir auch für die Grünen Listen hier im Blog verwenden. Erarbeitet wurde diese Einordnungs- und Bewertungshilfe von Expert_innen aus Wissenschaft, NGO-Sektor, Fachhandel sowie der Fachmessen Ethical Fashion Show und Green Showroom. Aufgrund der vielen verschiedenen Zertifikate und Materialien in der Textilindustrie ist sie leider ein kleines Abkürzungsmonster.

Der mit dieser Kriterienmatrix festgelegte Mindestanspruch ist nicht besonders hoch, aber es ist ein Doppelanspruch. Er besagt: „Öko und Fair gehört zusammen.“ Auf unterstem Level genügt es in den Nähfabriken/Nähereien grundlegende Arbeitsrechte durch unabhängige Kontrollen nachzuweisen oder in einem Land mit ausreichenden garantierten staatlichen Standards zu produzieren. Gleichzeitig müssen für mindestens 70 % der Kollektion nachhaltige Materialien verwendet werden. Nachhaltig heißt hier mindestens so umweltverträglich wie Bio-Baumwolle. Besser ist natürlich in allen Dimensionen immer erlaubt und wird von sehr vielen grünen Labels erfüllt. Unter den konventionellen Brands sind hingegen auch die grünorientiertesten noch weit vom untersten Level des Mindestanspruchs entfernt.

Ursprünglich war auch das heute gerne als Primus gefeierte schwedische Brand Nudie Jeans „nur“ ein fair produzierendes, aber kein grünes Label. Schritt für Schritt haben die Schweden erst die komplette Jeanspalette auf „bio“ umgestellt und dann nach und nach auch fast alle anderen Materialien und Produkte. Der komplette Wandel vom konventionellen zum grünen Label ist also durchaus möglich und es ist großartig, wenn er gelingt.

Zugleich gibt es aber leider auch eine ganze Reihe von grünen Labels, die in den letzten Jahren vom nachhaltigen Pfad abgekommen sind. Das ist sehr schade, aber es scheint mir wichtig, dass wir das offen ansprechen. Diese Labels weiterhin in die grüne Schublade zu stecken wird auch denen nicht gerecht, die sich umso mehr anstrengen und den Anspruch wirklich einlösen. Im von mir mitbetriebenen Laden „gruene wiese“ mussten wir uns vor einigen Jahren mit „howies“ von einem meiner Lieblingslabels trennen, weil dieses nach Ausstieg des Gründerpärchens andere Prioritäten setzte. Heute verwendet howies nur noch dort nachhaltige Fasern, wo dies recht einfach und kostengünstig zu realisieren ist. Das junge Männer-Label ATF schwenkte nach wenigen Saisons um und verzichtet heute fast vollständig auf Organic-Stoffe. Beim surf-routet Label Twothirds wurde zuletzt oft Better Cotton (BCI) statt Organic Cotton eingesetzt, aber eine Rückkehr zur konsequenteren Verwendung nachhaltiger Fasern ist geplant. Deutlich mehr Better Cotton als Organic Cotton gibt es inzwischen auch in der Kollektion des niederländischen Jeans-Labels Mud, das vor einigen Saisons mit seinem Jeansleasing-Konzept für Schlagzeilen sorgte.

Der Doppelanspruch „Öko+Fair“ ist für kleine Labels eigentlich nicht kompliziert. Viele produzieren wegen der geringen Stückzahlen eh in Low Risk Countries in Europa. Sie müssten also eigentlich nur noch nachhaltige Stoffe verwenden und hätten damit beide Seiten abgedeckt. Aber die ökologische Komponente schränkt in der Materialauswahl ein und steigert die Materialkosten teilweise deutlich. Das merken vor allem modischere Labels, die auch andere Fasern als Baumwolle verwenden wollen. Wo konventionelle Labels billige Viskose oder Polyester einsetzen, zahlen grüne Labels deutlich mehr, wenn sie alternativ mit Lyocell (TENCEL, Monocel) arbeiten. Gerade weil das so ist, finde ich es umso wichtiger, dass wir als Blogger_innen, Händler_innen, Kampaigner_innen und Multiplikator_innen den grünen Stempel nicht voreilig vergeben, sondern genau hinzuschauen. Geht es weiter wie bisher, wird die Vorstellung davon, was grüne Mode ist, bei Verbraucher_innen und Modemacher_innen weiter verschwimmen und die hellgrünen Trittbrettfahrer mit ihren geringeren Kostenstrukturen werden die dunklegrünen Pioniere auch in der Modebranche in immer größere Bedrängnis bringen. Und dabei hoffe ich ja eigentlich gerade auf das nächste Level (Close the Loop, please!). Mehr über geschlossene Kreisläufe bald!

     
 Lars Wittenbrink   Lars Wittenbrink schrieb seine Masterarbeit über Nachhaltigkeitspotentiale der Outdoorbranche. Er führt mit Simone Pleus die gruene wiese in Münster - einen der größten grünen Concept-Stores in Deutschland mit angebundenem Onlineshop. Wandelndes Ökomode-Lexikon und Chefredakteur des Blogs.

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