04 Jul, 2008

10 Seiten von Tchibo

Ich habe Post – elektronische Post. Ihr könnt sie lesen, sie ist angehängt. Tchibo hat was zu sagen und wählt den Brief und den Blog als Sprachrohr. Zumindest hier lassen sie sich kinderleicht modernisieren. Das ist gut. Respekt verdient auch, dass Tchibo sich ernsthaft Mühe gegeben hat, auf die Aktion und die Forderung nach Transparenz zu reagieren.

Gut gestimmt sitze ich also vor der elektronischen Post und lese und lese und lese. Wow! Zehn Seiten hat Achim Lohrie, Leiter der Unternehmensverantwortung von Tchibo, geschrieben. Zehn Seiten, um auf eine simple Forderung zu reagieren, die sich in drei Sätzen formulieren lässt und einfach ausgedrückt heißt: Sagt öffentlich, wo und wie ihr produziert. Zehn Seiten, die man nochmal und nochmal liest, bis man schließlich merkt, dass man hier von oben herab erklärt bekommt, wie k o m p l i z i e r t die ganze Sache ist und der Konzern eigentlich machtlos.

Der Brief ist vollgemüllt mit mehr oder minder richtigen Fakten, mit realen und irrealen Argumenten, die sich dennoch leichtfüßig zusammenfassen lassen:

– Tchibo gibt zu, ein „Late Mover“ zu sein. Das Unternehmen sei spät gestartet und hätte noch keine lange Tradition beim „ökologisch-sozialen“ Optimieren seiner Geschäftstätigkeit. Erst öffentlicher Druck habe sie dazu veranlasst (S.3).

– Tchibo gibt zu, vieles liege im Argen. Die gesetzlichen Mindestlöhne in Entwicklungsländern reichten nicht aus, um den Lebensunterhalt der Beschäftigten zu decken; die Freiheit der Beschäftigten, sich gewerkschaftlich zu organisieren sei nicht garantiert; Umwelt- und Sozialverantwortung spiele in den Verhandlungen zwischen internationalen Einkäufern und Lieferanten keine „regelhafte“ Rolle. (S.8)

– Tchibo behauptet, nichts tun zu können. Ein einzelnes Handelsunternehmen könne Arbeits- und Sozialstandards nicht durchsetzen. Es bedürfe eines „einheitlichen Vorgehens aller internationalen gesellschaftlichen Anspruchsteller“ (S.4).

Ach Herr Lohrie, das heißt, sie sind guten Willens und bekommen nichts auf die Reihe?

Ich traue ihnen mehr zu. Tchibo ist groß, Tchibo nimmt hohe Mengen ab und wird zumindest zeitweise exklusiv in Fabriken produzieren. Sie behaupten tatsächlich, sie könnten ihre Zulieferer nicht zwingen, ordentlich zu zahlen? Sie knechten ihre Zulieferer sonst doch auch mit engen Fristen und niedrigen Preisen und bei den Löhnen haben sie plötzlich keinen Einfluss? Und Gesetze? Es braucht keine Gesetze, Leute ordentlich zu bezahlen. Sie machen es sich schlicht zu einfach, wenn sie ihre Verantwortung in einem diffusen Netz von Beteiligten versickern lassen. Ein bißchen Gesetz, ein bißchen Tchibo, ein bißchen Konsument – und am Schluss ist keiner verantwortlich und nichts geschehen.

Dabei nehmen sie doch auch sonst penibel ihre Verantwortung wahr. Nämlich dann, wenn es um die Qualität ihrer Produkte geht. Dann kontollieren sie plötzlich messerscharf und gucken nach jeder Laufmasche. Tun sie also nicht so, als seien sie tatsächlich machtlos.

Und sie weigern sich, ihre Lieferanten öffentlich zu nennen und wollen keinen gucken lassen, um ihre Geschäftsgeheimnisse zu schützen und „wettbewerbsrelevante Daten“? So ein Quatsch. Ihre Konkurrenten wissen längst genau, wo sie produzieren, sie sehen ihr TCM-Label in den Nähstraßen und auch die Fabrikbesitzer reden freimütig darüber. Und was soll das mit dem Vertrauen? Der ganze Brief schreit: Vertraue mir. Ich denke immer noch: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Auch deshalb hätte ich es besser gefunden, es fänden sich klare Aussagen, wann sie was erreicht haben wollen. In dem ganzen Brief nennen sie kein einziges Datum. Lapidar erklären sie, sie arbeiteten „unter Hochdruck“. Und das seit zweieinhalb Jahren. Die Kampagne für Saubere Kleidung bestätigte bei Spiegel Online, in der Praxis habe sich nichts getan – die konkreten Arbeitsbedingungen vor Ort hätten sich nicht verbessert.

Das ist nicht zufriedenstellend. Auch nicht nach zehn Seiten Brief. Ich bleibe in der Nähe, Herr Lohrie.

Antwort von Tchibo

     
 Kirsten   Kirsten Brodde, Blog-Gründerin und Autorin von "Saubere Sachen", hat das Thema Ökomode quasi aus dem Nichts entwickelt. Sie arbeitet als Greenpeace Detox-Campaignerin bei Greenpeace Deutschland.

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Veröffentlicht in: Tchibo

4 Kommentare auf "10 Seiten von Tchibo"

1 | John Dean

Juli 5th, 2008 at 00:51

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Zitat:

Nach unseren Gesprächen (…) aus Anlass Ihrer Aktion erlaube ich mir, zur diskutierten Thematik wie folgt und von unserer Seite auch abschließend zu kommentieren:

Er stellt in seinem Brief – berechtigte – Fragen und gibt sich dialogisch, aber nur um drüberzupappen, dass die Antwort „von unserer Seite (…) abschließend“ erfolgt sei. Antworten und Vorschläge zu den Fragen, die er stellt, sind also ausdrücklich unerwünscht…

Mir stößt noch etwas anderes auf. Tchibo hat anscheinend jemand, der Vollzeit – und hoffentlich sehr gut bezahlt – für einen Bereich namens Unternehmensverantwortung zuständig ist und der zehn Seiten benötigt um zu sagen: Wir können garnix tun.

Owei.

Ich frage: Warum setzt Herr Lohrie nicht seine vier Buchstaben in Bewegung, um gemeinsam mit anderen Händlern/Importeuren Sozialstandards/zertifizierungen durchzusetzen? Mit einiger Bemühung wäre dies erreichbar, sei es nur als Ergänzung innerhalb des eigenen Sortiments oder – zum Beispiel – mit dem langfristigen Ziel verbunden, dass 50% der Textilwaren innerhalb des eigenen Sortimentes Mindeststandards erfüllen.

Der Markt wäre reif dafür.

Das Argument von Herrn Lohrie, dass ein gemeinsamer Umwelt- und Sozialstandard im Textilhandel kaum realisierbar ist, ist m.E. stichhaltig.

Eine inhaltliche Ergänzung: Tchibo sagt im Schreiben, dass Fairtrade im Kaffeehandel keine Plantagen und kleinbäuerlichen Strukturen zertifiziere, „die sich nicht in Kooperativen organisieren wollen„.

Das ist nicht wahr.

Und noch was:

So höflich und vorbildlich transparent die Antwort von Tchibo in Bezug auf den durchgeführten Polizei-Einsatz gegen Frau Brodde auch ist: Es entsteht ein übler Beigeschmack, ein sehr übler sogar, wenn ein Unternehmen seinen Ruf dazu einsetzt, um einen letztlich rechtswidrigen Polizeieinsatz durchführen zu lassen. Man wusste bei Tchibo, wie dieser Brief zeigt, dass der angeforderte Polizeieinsatz zur Vertreibung von Frau Brodde nicht in Ordnung war: „Das würde auch nur bei einer Rechtsgrundlage möglich sein.„.

Und doch ließ man Frau Brodde vertreiben. Ohne Rechtsgrundlage.

Meiner Meinung nach wäre man bei Tchibo klüger, wenn man Frau Brodde sogar einladen würde, z.B. zur Durchführung einer Kundenbefragung, und die Kunden fragen würde, was ihnen eine gute Sozial- und Ökozertifizierung bei Textilien wert wären.

2 | latheita

Juli 7th, 2008 at 17:55

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ich liebe diesen blog. Weiter so!

3 | Alexander

September 16th, 2008 at 15:55

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Wer schreibt, der bleibt.

4 | Sandra D.

Januar 14th, 2009 at 11:19

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Und Tchibo schießt das nächste Eigentor: die selbstzerstörerische Kraft des Marketings kommt besonders zutage, wenn schlechte Firmen schlechte Werbung machen http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,601132,00.html.

Mein Mitleid hält sich in Grenzen – sowohl mit Tchibo als auch mit deren Agentur, denen sie es nun in die Schuhe schieben.