11 Okt, 2012

Küss die (Organic) Hand in Linz

Ein Bericht von der österreichischen WearFair in Linz.

Die WearFair hat sich als die Messe Österreichs für faire und ökologische Mode etabliert und feierte deshalb in diesem Jahr ihr fünfjähriges Jubiläum. Verdient wie wir finden, denn am Wochenende vom 28. – 30. September fanden abermals mehr als 5000 BesucherInnen Ihren Weg in die Tabakfabrik von Linz und haben sich dort an den drei Messetagen zu nachhaltiger, fairer und ökologischer Mode informiert und das ein oder andere neue Lieblingsstück anprobiert und für den nachhaltigen Kleiderschrank mit nach Hause genommen.

Es präsentierten sich 65 AusstellerInnen mit 120 internationalen Labels von denen ich nachher noch das ein oder anderen vorstellen möchte. Vor allem das Thema Upcycling wurde in diesem Jahr verstärkt angesprochen und zum Thema gemacht. Beim Upcycling entstehen aus alten Decken, Fallschirmen, Arbeitsmänteln, Socken usw.  neue, modische Teile. Hier wurde im Rahmen der Modenschau der vom bioMagazin initiierte WearFair Upcycling Award 2012 verliehen, der an das Label „Tamíd“ ging.

Mir hat hier vor allem das Wiener Label km/a  sehr gut gefallen, weil es mit japanischer Fallschirmseide aus den 60ern arbeitet, und die daraus genähten Teile richtig fesch aussehen. Spannend waren auch die regelmäßigen Gesprächsrunden u.a. mit „Die Frau, die mein T-Shirt näht“, bei der die  routinierte Empowerment-Expertin Kalpana Rani gemeinsam mit der Präsidentin der Textilarbeiterinnen-Gewerkschaft, Lovely Yesmin, dem großen Publikum über die Lebens- und Arbeitssituation von Frauen in Bangladesch berichtete. Anschließend diskutierten die beiden engagierten Frauen zusammen mit Michaela Königshofer (Koordinatorin der österreichischen Clean Clothes Kampagne), Lisa Kernegger (Vorstandsmitglied GLOBAL 2000) und Moderator Volker Piesczek (ATV) zum Thema „Faire Mode – Gerechtigkeit für alle?“ und stellten sich den Fragen der interessierten ZuhörerInnen.

Vor allem die WearFair Modenschau die am Freitagabend von mehr als 700 Besuchern bestaunt wurde ist als sehr positiv hervorzuheben. Hier präsentierten 16 Modelabels ihre einzigartigen, innovativen und anspruchsvollen Kreationen von Eco de luxe bis Streetwear, von Business- bis Alltagskleidung und das in einem super sympathischen, positiven und vor allem authentischen Style ohne Magermodells und schlecht gelaunten Modelgesichtern. Aber das ist ja bekanntlich Geschmackssache

😉

Zuvor stellten sich viele der AusstellerInnen dem Publikum individuell und persönlich in Kurzinterviews vor und erzählten ihre Geschichte, ihre Erfahrungen, von ihrem Alltag, ihren Hoffnungen, Ideen und Herausforderungen. Den Besuchern wurde über die drei Tage ein vielfältiges Programm an Information, Entertainment und sehr gute österreichische Bio-Leibspeisen von Spirali geboten, die hier wegen Ihres fantastischen Essens und dem sympathischen Team einfach eine extra Erwähnung verdient haben.

Lebenskleidung, als GOTS zertifizierte Stoffagentur, war an den drei Tagen mit einem eigenen Stand vor Ort und referierten außerdem mit  Mark Starmanns vom Netzwerk Faire Mode im Rahmen des WearFair ExpertInnen-Brunch zusammen, über die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen der ökofairen Modebranche. Lebenskleidung  stellte in dem Vortrag ihr innovatives Webtool der Sammelbestellung  vor, bei dem es nun auch für junge und kleine DesignerInnen möglich ist, einfach und kostengünstig kleine Mustermengen von Biostoffen in vielen verschiedenen Farben und Qualitäten zu bekommen. Diese monatlichen Sammelbestellungen unterstreichen den Ansatz von Lebenskleidung, die an eine starke, grüne Gemeinschaft glauben.  Sie bündelt in den Sammelbestellungen die Wünsche  der Kunden und organisiert dann die kollektive Stoffbeschaffung, indem sie die entsprechenden Leute zusammen bringt, sowie die Wünsche der Designer bei den kommenden Stoffplanungen aktiv mit berücksichtigt. Wir geben Lebenskleidung gibt somit vor allem jungen DesignerInnen die Möglichkeit eine anspruchsvolle und diversifizierte Kollektion, mit viele unterschiedlichen Stoffe in den aktuellen Trendfarben zu entwerfen.  Mark Starmanns  stellte in seinem Vortrag  acht Fragen vor mit dem er auf die zentralen sozialen und ökologischen Herausforderungen in der Bekleidungsproduktion hinweist  und  zugleich zeigt, dass es immer Vorreiter in der Branche gibt, die vorbildlich in dem Segment  handeln. Er ruft offensiv dazu auf, seine Lieblingsfirma mit diesen acht Fragen zu konfrontieren und deren Antworten kritisch zu hinterfragen.

Labels to have a look at:

Das sympathische schwäbische Familienunternehmen von Greenality geht mit einer brandneuen Strickkollektion an den Start, die unter anderem tolle Strickjacken im Old School Design für Euch bereit hält. Die Strickjacken gefielen sofort und wurden sogleich anbehalten. Die Kollektion, die im nächsten Jahr noch erweitert werden soll, wird in der Türkei produziert und ist natürlich GOTS-zertifiziert.

Das Label LEOS steht für Leo Oswald und gibt es bereits bald seit 30 Jahren! Anfangs machte Leo sehr avantgardistische Kollektionen und Maßanfertigungen. Seit ca. 20 Jahren ist er Choreograph in der Modeschule Herbststraße und außerdem Gründer und Projektleiter von Kids in Fashion, einem Modedesignwettbewerb für Kinder und Jugendliche. Seit ein paar Jahren verwendet Leo u.a. GOTS- zertifizierte Biobaumwolle, in den Farben erdschwarz, morgennebelgrau, wiesengrün, sonnengelb und feurigrot und das besondere daran ist, dass der  Baumwolljersey (wird) z.B. in Streifen geschnitten, gerafft aufgesteppt oder sogar manuell verstrickt wird. Teilweise wird, scheinbar wahllos, abgesteppt. Oberteile werden verdreht bzw. werfen Blasen oder stülpen sich in Zacken aus. Der Zufall in der Verarbeitung spielt eine wichtige Rolle, wodurch Unikate entstehen die durch ihre spielerischen Elemente zum Hinschauen und Erstaunen anregen.

Matthias Hebeler von brainshirt trat 2009 mit dem Ziel an, auch Menschen, die im Berufsleben formale Business-Mode tragen, nachhaltig anzuziehen. Den Beginn machten damals Hemden, es folgten Socken, Unterwäsche und Strickwaren. Jetzt, drei Jahre später, ist es soweit. Auf der WearFair, der größten Messe für nachhaltige und faire Kleidung in Österreich, präsentiert das Team um Unternehmensgründer Matthias Hebeler den ersten „sauberen Business-Anzug“. Das Besondere an den brainshirt-Anzügen: Sie sind aus organisch einwandfreien Ursprungsmaterialien. Das bedeutet, die Tuche sind GOTS (Global Organic Textile Standard) zertifiziert und die Wolle stammt aus kontrolliert biologischer Tierhaltung aus Neuseeland. Sowohl das Spinnen, als auch das Weben der Stoffe erfolgt unter den GOTS Bedingungen in Italien. Besonders schwierig war das Finden bzw. Entwickeln eines passenden Futtermaterials. Was es auf dem Markt gab, war entweder nicht vegan oder aber chemisch bei weitem zu belastet. Die Lösung, die brainshirt in Zusammenarbeit mit dem Vorarlberger Unternehmen Hefel entwickelt hat, ist ein organischer Micro Tencel, der durch seine dichte Webung und seine guten Gleiteigenschaften überzeugt. Die Konfektion der Anzüge erfolgt dann in einer Manufaktur in Unterfranken. Durch die ausschließliche Fertigung in Europa (Österreich, Italien, Deutschland) zeigt brainshirt, dass es sehr wohl möglich ist, durch nachhaltige und innovative Produkte Arbeitsplätze in klassischen Industrien auch dauerhaft in Europa zu sichern. „Bekleidung und auch die Fertigung von Kleidung ist ein Teil unserer Kultur, die möchten wir auch hier vor Ort erhalten“ erklärt Matthias Hebeler, Gründer von brainshirt.  „Ab sofort können sich auch Menschen, die im beruflichen Leben ein klassisches Business-Outfit tragen, nachhaltig, fair, sowie ökologisch und ethisch sauber, kleiden.“, so Hebeler. Vor allem das Modell im indischen Nehru Style hat uns hier bei der ersten Anprobe besonders gut gefallen.

Beim neuen Wiener Kinderlabel von Anna Pollack das sich vor allem auf Kleidung und Accessoires  für Babies und Kinder spezialisiert hat, sind mir vor allem die tollen Babyschlafsäcke in den schönen Farben aufgefallen.  Anna Pollack erzählt, dass Sie  aus eigener Erfahrung als Mutter weiß, welche besonderen Ansprüche Eltern an Kleidung für Ihre Babies und Kinder stellen. Nur das Allerbeste ist gerade gut genug. Das Allerbeste gibt es in zwei Varianten: Entweder 2nd-Hand-Stoffe, weil diese wieder und wieder und wieder gewaschen wurden, je öfter umso besser und weil durch die Wieder- bzw. Mehrfachverwertung Nachhaltigkeit erreicht werden kann. Außerdem wird verhindert, dass noch mehr produziert werden muss. Oder aber: 100% Bio-Stoffe in GOTS Qualität in höchster Verarbeitungsqualität. Somit ist Nachhaltigkeit in der gesamten Produktionskette gewährleistet und darüber hinaus können auf Grund der Qualität dieser Kleidungsstücke diese im Sinne der Ressourcen-Schonung wiederum mehrmals vererbt, verborgt und weitergereicht werden. Gefallen hat mir das die Zuschnittreste  ebenfalls weiterverarbeitet werden z.B. als rattlefish, als Schmusetücher, als Applikationen oder zu guter Letzt als Füllmaterial. Somit wird hier konsequent nachhaltig gearbeitet. We like.

Das mittlerweile allseits bekannte Berliner Label von Charle hat auch einige Neuigkeiten zu bieten, denn es gibt endlich Hosen die mitwachsen und passend dazu die Mitwachs-Shirts in 11 tollen Farben. Auch brandneu und das erste Mal auf der WearFair vorgestellt wurden Tellerröcke, sowie die Fransentücher für klein und groß, sprich  auch was für die Mamis oder die großen Schwestern. Alle neuen Produkte gibt es nun mit dem von Mandy Geddert selbstentwickelten Biogummiband.

Aufgefallen ist uns auch die lässig-bequeme Streetwear aus Linz von Katuni.
Hier werden Unikate und Kleinstserien gefertigt die aus einem Mix von Recyclingmaterialien, Biostoffen und Stoffen aus deutscher Produktion entstehen. Vor allem die Motive von sich liebenden Igelchen, fliegenden Skatern, zahmen Füchsen, oder schräge Vögel die sich auf Kleidern, Röcken, Hosen und Shirts tummeln sind aufgrund der besonderen Illustration, die mich teilweise an den Stil des Filmes Persepolis erinnern, sehr gelungen und heben sich bei der Vielzahl von Prints auf dem Markt  wohlwollend ab.

Fazit: Sehr gelungene Messe mit tollem Messeteam und guter Stimmung über drei Tage hinweg. Wie immer auf den grünen Messen haben wir viele interessante und engagierte Menschen kennengelernt, neue Netzwerke geknüpft und alte Beziehungen vertieft. So macht grüne Arbeit einfach Spass. Wir kommen  nächstes Jahr also gerne wieder nach Linz.

Bis dahin: Fürti und Baba nach Austria sagt Lebenskleidung aus Berlin :)

 

 

 

     
 lebenskleidung   Benjamin Itter und Enrico Rima sind Mitgründer von Lebenskleidung aus Berlin. Nach Studien und Arbeitsaufenthalten liegt beiden vor allem das Textilland Indien sehr am Herzen. Lebenskleidung vertreibt seit 2009 ökologische und fair hergestellte Stoffe und Heimtextilien und agiert als Textilagentur und Mittler zwischen Designern und Produktionsstätten in Europa und Asien.

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2 Kommentare auf "Küss die (Organic) Hand in Linz"

1 | Fr.Jona&Son

Oktober 12th, 2012 at 13:19

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Freut mich, daß Euch Katuni gefallen hat. Sie wäre eine gute Empfehlung für Druckdesignaufträge für Eure Stoffe.

2 | Enrico

Oktober 16th, 2012 at 11:41

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Hallo Sonja, gute Idee, hatte den selben Gedanken! Werde mich heute gleich mal bei Ihr melden :) Liebe Grüßle nach Wimm enrico