Tchibo, T-Shirts und Tabus
Wie ihr wisst, bin ich ein engagierter Förderer von Tchibo. Ich bestelle gerne bei Tchibo (das Resultat war im Blog zu bewundern). Und genau ein Jahr nach meiner Aktion flackerte ein Werbemail von Tchibo auf meinem Bildschirm auf und bot mir T-Shirts zum Selbstgestalten an. Da gab es kein Halten mehr. Angetan war ich besonders von den Shirts aus Biobaumwolle, die der Konzern mir zeigte. Respekt! Das ist ein großer Erfolg für uns kritische Konsumenten. Weniger angetan war ich, als ich nicht draufdrucken durfte, was ich wollte. Tchibo hat eine Zensur im Internet eingeführt und bestimmte Schlüsselworte und Wortkombinationen sperren lassen.
Wozu? Die Aktionsshirts liefert Continental Clothing, die sich von der strengen Fair Wear Foundation (FWF) auf Sozialverträglichkeit kontrollieren lassen. Da könnte der Konzern doch gelassen sein.Â
Spannender ist, welche Begriffe Tchibo auf den Index gesetzt hat.
Entschieden hatte ich mich für den Aufdruck: BIO, ABER UNFAIR. Um darauf anzuspielen, dass ein Bioboom noch keinen Ethikboom macht.
Und was flackert auf meinem Bildschirm auf? “Der Text “unfair” gefällt uns nicht. Bitte gib´einen anderen Text ein.” Amüsiert teste ich weiteres einschlägiges Vokabular. “Kinderarbeit” ist blockiert, ebenso wie “Hungerlöhne” und “Sklaven”. Und was passiert, wenn ich “Tchibo” auf mein Shirt drucken will??? “Der Text “Tchibo” ist markenrechtlich geschützt und darf daher nicht verwendet werden.”
Fazit I: Konzern hat gelernt. Fazit II: Kirsten auch. Ich tippe in absichtlich falscher Rechtschreibung:
BIO, ABER UNFÄR
Ratet? Prompt bekomme ich eine Bestellbestätigung. Ich öffne im Geiste das Paket, ziehe das Shirt an, gehe in die Garage und schreibe ein Banner, auf dem steht:
FRAGEN SIE MICH NACH MEINEM FALSCH GESCHRIEBENEN T-SHIRT.
Eine halbe Stunde später kommt die Stornomail des Konzerns. Sie möchten das T-Shirt nicht drucken. Offenbar gucken noch mal zwei echte Augen auf jede Bestellung. Nett von euch, denke ich. Ihr wollt mich davor schützen, mich mit falscher Orthographie auf der Straße lächerlich zu machen.Â
Und nun Kirstens ultimative Bilanz: Die Worte, die blockiert sind, lassen tief blicken. Sie offenbaren die Schwächen, die der Konzern selbst sieht und für die er nicht am Pranger stehen möchte. Verletzung von Menschenrechten. Hungerlöhne und Sklavenarbeit.
Alles andere ist erlaubt: Die Worte PESTIZIDE, GIFTIG und selbst ÖKOSCHWEIN könnte ich aufdrucken lassen. Hier fürchtet Tchibo sich nicht mehr.
Damit ist offenbar, woran die Textilbranche derzeit krankt. In Sachen Umwelt sind sie weit vorne, in Sachen Ethik noch weit hinten. Wer diese Zensurliste für Tchibo gemacht hat, wusste das. Denn die Aktionsware mag ethisch korrekt sein, für das Gros der Tchibo-Textilien gilt das nach wie vor nicht.
Ich verschweige euch, welche Obszönitäten ich noch getestet habe. Pornographie ging anstandslos. Würde aber hoffentlich von den zwei Augen, die die Endkontrolle machen, auch storniert!Â
Übrigens: Nicht nur mir sind diese Schlüsselworte verboten. Die Zensur gilt für uns alle. Man dürfte also nicht einmal dem eigenen Chef per T-Shirt Hungerlöhne attestieren.
Also liebe Leute von Tchibo: Ihr seid auf dem richtigen Weg. Weiter so. Läppische Zensurspielchen im Internet bringen euch allerdings nicht weiter.Â


02. Juli 2009 um 22:33
Mann Kirsten, Du machst Sachen.
Ein Shirt mit “unfär” wäre zum Schreien komisch, wenn es nicht einen ernsten Hintergrund gäbe.
Aber nimm lieber Dein Shirt nach Linz zur Wearfair mit- bei meiner T-Shirt_Styleaktion werde ich Dir was Tolles draus machen!
Kannst zwischen Light, Medium oder Extreme- Variante wählen.
Der Erlös geht übrigens an Näherinnen aus Bangladesh.
03. Juli 2009 um 08:33
Yeah,
sehr schöner Artikel….wenigstens ist Tchibo nun einen ticken “färer” geworden…ein kleiner Erfolg, auch wenn der Rest des Angebots noch unter aller Sau ist
Grüße
Markus
03. Juli 2009 um 16:49
“Pornographie ging anstandslos. Würde aber hoffentlich von den zwei Augen, die die Endkontrolle machen, auch storniert!”
warum soll das storniert werden?
03. Juli 2009 um 16:50
Apropos falsch geschrieben: Du bist doch keine Österreicherin, oder?
Von wegen “ein Mail”, “gib’ ein” (mit Deppenapostroph) und “Worte” (statt Wörter).
03. Juli 2009 um 16:52
Hallo,
wo kann ich bitte korrekt Bettwäsche von meiner Kunst
produzieren lassen? Any idea?
gruß
jörg
03. Juli 2009 um 17:15
Hab’s mal versucht mit “Diese Tasche hat ein Kind mit Hunger genäht!” “Tchibo” kann man schlauerweise auch nicht mehr drucken lassen, das es sich um einen geschützten Markennamen handelt. Mit Coca-Cola habe ich es nicht versucht…
Wenn sie die Tasche drucken, schicke ich sie dir gerne zur Veröffentlichung oder zum Tragen.
03. Juli 2009 um 17:52
Find ich echt lustig, diese Art von Zensur und das dass durch dich erst in die Medien kam, repsekt! Ich habe gerade den Artikel auf Spiegel-Online ueber die ganze Geschichte gelesen. Hammer!
Nur mal erhlich, nicht viele haben einen derartig ideelle Wertevorstellung beim Einkauf wie du. Ich bewundere diese, denn ich wuerde mein T-Shirt nicht teurer kaufen wollen um einen hoereen Stundelohn zu ermoeglchen.
Ich denke, dass wir in Deutschland einen derartig hohen Lebensstandard haben und mit Armut verglichen mit asiatischen Laendern nicht direkt konfrontiert sind. Denn dort wird mit Armut so traurig es klingt, realistischer Umgegangen. Es ist schliesslich nciht moeglich allen Menschen auf dieser Welt ein Leben auf derart hohen Standard zu ermoeglichen.
03. Juli 2009 um 17:59
Versuch doch mal ein Shirt mit dem Text “Dieser Text gefällt uns nicht” zu bestellen…
03. Juli 2009 um 18:37
@ adi:
Aber es ist ein Unterschied, ob es diese Armut sozusagen einfach als Tatsche gibt (?) oder ob hier in Europa und andere Industrieländern die Menschen daran verdienen, davon profitieren!
Wir haben den von dir erwähnten hohen Lebensstandard nicht zuletzt deshalb, weil wir ihn auf dem Rücken von Millionen armen Menschen, darunter auch ein großer Anteil von Kindern, erwirtschaften.
Überleg dir nochmal, ob du für dein T-Shirt nicht doch evtl. mehr zahlen würdest (oder evtl. einfach mal eines weniger kaufst), wenn es Dein Kind wäre, das über 10 h am Tag fast ohne Licht Drecksarbeit verreichtet, dafür nicht genug Geld zum reinen Überleben bekommt, geschweige denn Sozialleistungen oder nur ansatzweise die Zeit hat, um in die Schule zu gehen (gescheige denn diese zu bezahlen).
Wir können hier Sozialleistungen in Anspruch nehmen, die zum Teil aus den Gewinnen aus dem Handel mit solchen Produkten finanziert werden!
Da hilft einfach nur BOYKOTT!
Dass inzwischen dann alles BIO ist, ist ja klar, da sich die Leute hier um IHRE Gesundheit sorgen - ob Bio dann auch den wirklichen Herstellern der Produkte faire, gerechte Lebensbedingungen ermöglicht interessiert nicht mehr. Das ist schon fast schizophren!
03. Juli 2009 um 21:36
Zensur nennt man allgemeinhin Kontrollmassnahmen von staatlicher Seite.
Ob nun Tchibo bestimmte Worte nicht drucken will oder ein Forum wie Spiegel Online oder ein Blog z.B. bestimmte Kommentare löscht (bei letzteren wird ja auch gerne empört “Zensur!” gerufen), dann ist das keine Zensur, sondern deren gutes Recht. Und es gibt ja genug Alternativen.
Die inflationäre Verwendung von “Zensur” ist eine IMO unzulässige Verwässerung des Begriffs, denn staatliche Eingriffe in die Meinungsfreiheit sind wirklich schlimm.
03. Juli 2009 um 22:12
Hallo!
B!O ABER UNFA!R
wird angenommen
genauso: TCH!BO LEBT VON KINDERARBE!T
Gruß
04. Juli 2009 um 00:50
Ich habe gerade den Artikel bei SPIEGEL online gelesen und muss sagen, dass ich von spreadshirt erschüttert bin. Ich hatte eigentlich vor, dieses Jahr einige T-Shirts dort zu bestellen, aufgrund Ihres Artikels werde ich mir dies jedoch noch einmal genauer überlegen und prüfen, ob es nicht sozial verantwortlichere Unternehmen gibt. Vielen Dank.
04. Juli 2009 um 06:23
Weiter so Kirsten!
04. Juli 2009 um 09:42
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,633984,00.html
04. Juli 2009 um 12:23
Bio - aber nicht fair…
04. Juli 2009 um 12:28
Gottschalk für Werbung Geld hinterher zu tragen fällt Tchibo leichter als Kritik zu ertragen.
Demonstrieren möchte ich nicht, habe einfach gehandelt und eben mein Tchibo-Konto online gelöscht. Wer derartige Zensur finanziert braucht alles Mögliche, mein Geld jedoch nicht.
Meinen Respekt für Ihr Engagement!
05. Juli 2009 um 06:48
Sie sind großartig!
Wollte ich einfach sagen, weil Ihre Aktionen ein Licht in das Dunkel der verhöhnten Menschenrechte weltweit bringen.
05. Juli 2009 um 07:15
Und ich wollte sagen, dass Zensur auch immer fatalistische Praktiken zu Tage bringt, die umfassend schädlich sind. Ein Menschenverstand scheint das zu vermuten. Nicht aber der Kapitalismus, in dessen gesellschaftlichen Krieg alle Menschen mit hinein gezogen werden. Weltkonzerne schicken Aufseher, Folterer, Soldaten. Sie gehen mit und ohne Wählerstimmen auf die Menschenjagd. Die staatlichen Behörden werden sie schützen.
Menschenrechte haben keine Zeit, vor Gericht verhandelt zu werden, sie müssen erkämpft werden!
07. Juli 2009 um 12:28
toller blog wo man sich super unterhalten kann und noch Informationen erhält danke
07. Juli 2009 um 12:48
Aus der Tasche mit dem Aufdruck “Diese Tasche wurde von einem Kind mit Hunger genäht” wird wohl nix.
Erst kam eine unbegründete Stornierung per Email, auf Nachfrage dann die folgende Begründung:
“vielen Dank für Ihre E-Mail.
Grundsätzlich werden alle eingehenden Textwünsche hinsichtlich der Textqualität und des Urheberrechts geprüft. Wir behalten uns das Recht vor, Druckaufträge abzulehnen, die dieser Prüfung nicht standhalten. Darauf weisen wir unsere Kunden während des Bestellprozesses hin.
Es tut uns leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass der gewünschte Text nicht den Richtlinien von Tchibo und Spreadshirt entspricht. Ihre Bestellung kann deswegen leider nicht bearbeitet werden.
Für weitere Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
xxx xxx
Spreadshirt Kundenbetreuung
Lob, Kritik oder Anregungen für Spreadshirt? Bitte schicken Sie eine Mail an besser@spreadshirt.de
Wenn Sie uns ein Fax schicken möchten, wählen Sie bitte folgende Nummer: +49 (0) 341 594005499″
Eigentlich bin ich ja froh, dass die nun kein Geld von mir bekommen!!!
09. Juli 2009 um 17:51
Haben zwar schon so viele hier gesagt/ geschrieben - aber auch von mir ein großes Lob für das gelungene Deutlichmachen der vielschichtigen Probleme … und auch für das Schmunzeln in meinem Gesicht. Man darf gespannt sein, ob sich Herr Lohrie wieder mit 10 Seiten bei Dir meldet?!
16. Juli 2009 um 01:14
Hi Kirsten! Du bist nicht das einzige Opfer der Tchibo Zensur.
Ziemlich gemein: Alle werden zensiert nur ich nicht!
Schau Dir das an!
http://blogs.taz.de/saveourseeds/2009/07/16/ist_tchibo_ein_tendenzbetrieb_/
16. Juli 2009 um 12:01
@Benny: Keine Zensur! Und das dir altem Kämpfer! Hamburg grüßt Berlin…
23. Juli 2009 um 11:39
Gibt es denn empfehlenswerte Alternativshops, wo man sich ein Shirt guten Gewissens bedrucken lassen kann? Bisher finde ich nur Shops, die Mindestauflagen von 10 Stück haben, das ist nicht wirklich eine Lösung…
23. Juli 2009 um 16:09
@kristina: Soweit ich weiss, bedruckt Zündstoff aus Freiburg und du kannst deine Motive schicken. Gucke einmal auf ihre Seite unter: http://www.zuendstoff-clothing.de
07. August 2009 um 22:20
Mal zurück zu Tchibo selbst. Es sind ja nicht nur die Arbeiterinnen in Fernost, die zu leiden haben. Auch hier in Gernsheim kann man es schlecht haben.
siehe http://www.gibt-es-gott.de/17.html
07. August 2009 um 22:36
In den Filialen ist es nicht anders.
http://www.kununu.com/kommentar/Tchibo+GmbH-1835-12612.html#1
Filialdamen sind oft so allein wie bei Schlecker. Da freut man sich, wenn mal der Bezirksleiter kommt und man aufs Klo darf.