26 Aug, 2008

Melden Sie das der Zentrale!

Ich habe für explosionsartige Verkäufe von Ökojeans im Berliner Shop des türkischen Denim-Herstellers Mavi gesorgt. Die Jeans waren von 100 auf 70 Euro heruntergesetzt, weil im Laden Platz für Neues geschaffen werden muss. „Greifen Sie zu“, sagte die Verkäuferin, „die bekommen wir nicht wieder“. Der Umweltgedanke schere zu wenig der Kunden, erklärte sie, am Ende gehe es immer um das Design und da hätten den einen die Stickerei auf der Gesäßtasche nicht gefallen und den anderen nicht, dass das natürliche Indigo ein wenig grün geschimmert hätte….

Schon wieder eine Hiobsbotschaft, dachte ich, schleppte meine langbeinige Freundin in den Laden und nötigte sie zum Kauf. Mir waren die Hosen viel zu lang, nach dem Abschneiden eines gewaltigen Stücks hätte die Kniewaschung glatt auf dem Unterschenkel gesessen. Mein vernünftige Freundin schlug gleich doppelt zu und wir nötigten die Verkäuferin, den fulminanten Erfolg an die Zentrale zu melden, damit die nicht gleich wieder einen Rückzieher machen. Mavi ist einer der größten Jeanshersteller der Welt, verkaufte 2005 7,5 Millionen Jeans und exportiert in 50 Länder. Mavi ist übrigens das türkische Wort für Blau.

So ganz unlieb scheinen aber manchen Großen die ersten Misserfolge ihrer korrekten Kleidung nicht zu sein. Kann es sein, dass sie ein Scheitern geradezu herbeisehnen? Um dann auch noch zu jammern: „Wir haben es ja versucht“? Es ist wie mit den weiblichen Moderatorinnen der Sportschau. Als die Kandidatinnen der ersten Stunde nicht sofort reüssierten, klang die Männerwelt wie die Modewelt jetzt. Und klammheimlich rieben sie sich die Hände und beendeten das Experiment gleich großzügig für die nächsten paar Jahre.

Ich denke, so leicht sollte man es den florierenden Unternehmen der Branche nicht machen. Mehr noch: es nicht nur darum, die Produktion im Premium-Bereich umzustellen, sondern darum, dass saubere und sozialverträgliche Produktion selbstverständlich wird – für jedes einzelne Kleidungsstück.

Sofern man den Herstellern erlaubt, die Ökoware in eine Nische abzuschieben, werden sie sich – wie jetzt schon zu beobachten – allzu leichtherzig wieder davon trennen, wenn es mal nicht so gut läuft. Und den schwarzen Peter noch den Kunden zuschieben.

In diese Forderung – finde ich – gehört ein bisschen mehr Adrenalin als bisher. Das gilt durchaus auch für mich. Ein Kollege fragte mich jüngst, was für einen Sport ich treibe, der zu einem Bänderanriss führen könne. Er mutmaßte Vollkontaktkarate. Das gefällt mir gut. In der Auseinandersetzung mit der Textilindustrie ist es Zeit dafür.

P.S. Die Tasche, mit der ich einkaufen war, ist aus Recycling-Material und gemacht aus ehemaligen Beständen der Schweizer Armee.

     
 Kirsten   Kirsten Brodde, Blog-Gründerin und Autorin von "Saubere Sachen", hat das Thema Ökomode quasi aus dem Nichts entwickelt. Sie arbeitet als Greenpeace Detox-Campaignerin bei Greenpeace Deutschland.

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Veröffentlicht in: Label

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